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Kulissen im Telegrammstil, Spielräume für unsere Imagination -

Eine begehbare Lichtplastik als microarchitektonische Hommage an Teo Otto


"Das Theater wird verlangt wie nie zuvor. Es ist der Ort höchstpersönlicher künstlerischer Begegnung. ... Theater ist immer Hoffnung, denn es lebt "im Spiel vom Menschen" durch die Veränderung, die Änderung, das Anderssein. Theater ist ständig Abschied und Begegnung, ist Vergehen und Erneuerung. Proteushaft lebt es vom Hunger nach Einsichten und Erkenntnissen, lebt vom Überraschenden und Unerwarteten. Es wird getrieben vom Stachel der Neugier. ... Die Kraft und die Gefährlichkeit der Nuance ist die brillanteste Waffe des Theaters." (aus Teo Otto: Meine Szene, Köln 1965)

Das Zitat aus jenem übergreifenden Spätwerk Teo Ottos, das als wichtigste Quelle für sein Verständnis von der Arbeit des Bühnenbildners, des zeitgenössischen Theaters und seiner Zusammenarbeit mit den namhaften Bühnenautoren seiner Zeit gilt, kann als Leitmotiv/ Credo für die architektonisch/ gestalterische Museumskonzeption genommen werden, mit der es dem Szenographen, Maler und Lehrer in seiner Heimatstadt Remscheid, im Eingang zu jenem Theater, an dessen Neubau er 1954 beratend mitwirkte, einen bleibenden, zeitgemäßen Ort der Erinnerung einzurichten gilt.

Seit einigen Jahren schon befaßt sich robarchitects spartenübergreifend mit microarchitektonischen Themen, mit architektonisch, philosophisch, ergonomischen Aspekten von Innen-/ Außenraum, mit der Bedeutung und Inszenierung von Licht, mit Begrenzungen und Perspektiven, mit der Entwicklung neuer Präsentationsformen, vor allem für Theater, Ausstellungs- und Museumswesen.

Microarchitektonische Denk- und Lösungsansätze zielen auf die Polarität von micro und macro/ wie aus Teilen ein Ganzes entsteht, jedes Teil für sich ein Ganzes ist und jedes Ganze aus Teilen besteht, so daß die Auseinandersetzung mit micro immer auch die Diskussion des macro impliziert – wie bei einem Bühnenbild, das durch pointierten Einsatz von Farbe, Licht, Material, Struktur, durch gezielte Auslassung dessen, "was der Zuschauer fühlt, ohne es sehen zu müssen, diese Auslassung, die allen Dingen, die auf der Bühne erscheinen, erst die Macht des Exemplarischen gibt, und die Beschaffenheit dieser vorhandenen Dinge,... ihre Kraft so oder so, die wiederum bewirkt, daß die Auslassung eine gespannte Auslassung ist, nicht Leere, sondern Spielraum für unsere Imagination..." (aus Max Frisch in "Skizzen eines Bühnenbildners". St. Gallen und Stuttgart 1964).

Teo Otto galt als vielseitiger, freigeistiger Künstler, als bescheidener, dem Humanismus verpflichteter Mensch und engagierter Lehrer, der dem Theater des 20. Jahrhunderts entscheidende Impulse gab und berühmt wurde für seine Kunst des Augenblicks, der Vergänglichkeit, und die Leichtigkeit des Ausdrucks, gerade weil er sich des Transitorischen in Theater und Szenographie bewußt war. Improvisation und Phantasie, die Reduktion auf das Wesentliche waren ihm wichtiger als verschwenderische Materialfülle (sogar das Recycling von Bühnenbildmaterial scheint bei Otto üblich gewesen zu sein). Das Fragmentarische, das "Zitat" sollte zur Deutung des Stückes aus der Wahrnehmung der Gegenwart führen. Aufs Schärfste beklagte er – auch in seinen späten Zeichnungen und Bildern – die immer stärker werdende Kommerzialisierung und Konsumorientierung, durch welche er den Menschen als Maß der Dinge verloren glaubte.

Diese philosophisch-künstlerischen Leitmotive sind tragende Elemente in der von robarchitects entwickelten Microarchitektur. Was Teo Otto einklagte, steht hier im Zentrum: der einzelne Mensch als Maß, konzeptionell, ergonomisch und ästhetisch. Unter Aufhebung räumlicher Grenzen durch den Einsatz neuer Medientechnologien bei minimalstem Platzverbrauch werden Vergangenheit und Gegenwart mit einander verknüpft, sozusagen Blicke auf transitorische Momente in einer Gesamtchoreographie dargestellt. Ohne Verlust an Vielfalt wird auf das Wesenhafte reduziert, pointierte Materialien ausgewählt, denn ebenso wie ein gesamtes Bühnenbild nicht zu retten ist und auch nicht gerettet werden muß, so will die Microarchitektur lohnenswerte Fragmente inszenieren und darüber die Geschichte/ das Wesen des Gegenstandes in die Aktualität transportieren und verstehbar machen. Durch Licht- und Schattenspiele, überraschende Sichtachsen, eine Art Bühnengerüst als "Spielgerüst", mittels "durchbrochener" Wände werden abstrakte Szenarien, exemplarische Andeutungen gegeben.

Geplant ist als Hommage an die Persönlichkeit und das Gesamtwerk Teo Ottos eine begehbare, bewegliche Lichtskulptur, bestehend aus einer gläsernen, leuchtenden Mitte –der Multimediastation/ dem "Geist"- und einer mehrfarbigen Außenhaut/ Kulisse aus Infotürmen/ -blöcken. Durch diese Bausteinkonstruktion und verschiedene Beleuchtungs-/ Ausleuchtungsmöglichkeiten wird das micromuseum® selbst zu einem Infobühnenbild, transitorisch durch seine Mobilität, mit der sich immer neue räumliche Choreographien, je nach Anlaß/ Nutzung des Foyers spielerische offen/ geschlossen-Szenarien herstellen lassen.

Die Lichtplastik ist durch ihre realen Ausstellungsräume – ob Schuber, Schubladen, Pinnflächen für Texte, Entwürfe, Fotomaterial etc.- und ihre multimedialen Komponenten – PC mit Internetanschluß, Audio-/ DVD-Technik, Tonbänder, Filme etc. – zugleich Infostelle und virtuelles Depot; eine zukunftsfähige Datenbank (Netzwerk), ein Schaukasten, der auch als Werbeträger für aktuelle Produktionen oder ausgewählte Arbeiten (Skizzen, Modelle) junger Talente genutzt werden könnte. Neben einer pointierten Auswahl an Originalen können vor allem vervielfältigte Objekte/ Quellen sowie Publikationen zum Anfassen und z.B. Walkmen, CD-Player nebst Abspielmaterial ihren Platz in den Infotürmen finden.

Die interaktive Komponente, die dem Besucher eigenständiges, spielerisches Suchen, Forschen, Entdecken erlaubt, erinnert an den Lehrer Teo Otto, dessen pädagogischer Ansatz auf hoher Eigenständigkeit und Selbsterprobung, Neugierde und Erfindungsgeist der Studenten fußte. Zugleich bietet er beste Voraussetzungen, um das micromuseum® mit anderen relevanten Einrichtungen –Hochschule, Nachlaßverwaltung etc. – zu verlinken.

Ressourcensparendes, maßgeschneidertes Denken und Bauen/ lebendige Denkmalpflege ist besonders in vorhandenem Bestand von großer Bedeutung. "Weg von der Wand/ Mauer" heißt, geringe Eingriffe in die vorhandene Bausubstanz vornehmen zu müssen und gleichzeitig über erhöhte gestalterische Möglichkeiten zu verfügen. Microarchitektonische Bauten sind in mehrfacher Hinsicht wachstumsfähig und beweglich. Als autarke werbewirksame Identitätsträger können sie theoretisch an jeden Ort ein- bzw. umgesetzt werden und dort ihre räumlich-plastische Faszination entfalten. Die Besucher/ Betrachter, gleich welchen Alters, bekommen durch die Kompaktheit und Übersichtlichkeit einen spielerischen Zugang zur Materie. Zudem können die Inhalte dieser flexiblen Speicher je nach Erkenntnis/ Stand des inhaltlichen Aufbaus modifiziert und erweitert werden. Ein solcher neuartiger "small is beautiful"-Ansatz, der sinnliche reale Elemente in einer besonderen Dramaturgie mit Medientechnik verbindet, entspricht zudem auch den aktuellen Entwicklungen in der Informationsvermittlung wie in den Bereichen Kommunikation und Bildung.

Das Erich Kästner Museum in Dresden (www.erich-kaestner-museum.de) ist dafür ein anschauliches Beispiel. Dieses multifunktionale, minimalistische Museum bildet eine Schnittstelle zwischen Architektur, Kunst, Skulptur und Gebrauchsgegenstand. Es ist gleichzeitig autarkes Gesamtkunstwerk, Informationsskulptur, Vermittler ausstellungskonzeptioneller Kerngedanken und einzigartiges, interaktives Werkzeug. Die philosophischen, pragmatischen und poetischen Erwägungen hinter dieser neuartigen Konzeption, die auf ressourcensparendes Denken, flexibles Wachstum und einen neuen pädagogischen Ansatz der Selbsttätigkeit setzt, führten dazu, daß bisher 16.000 Besucher aller Generationen, vor allem auch Kinder und junge Menschen, die Inhalte auf bewußter wie unbewußter Ebene verstehen und sich zur Freisetzung eigener kreativer und intellektueller Kräfte inspirieren lassen. Das micromuseum® ist nicht nur baulich, sondern auch inhaltlich/ konzeptionell in autarken Schichten angelegt, so daß jede Zugangssuche – von kurzweiliger Unterhaltung bis zu weitreichender wissenschaftlicher Recherche – für den aktiven Gast erfolgreich wird.

Für die Präsentation des von der Expo 2000 in das Deutsche Hygiene-Museum zurückgekehrten "Virtuellen Menschen" eine Holzkonstruktion – der Flügelaltar – entworfen, die den Effekt der Holoproscheibe aufnimmt und weitertransportiert, indem nicht nur das dreidimensionale bewegliche Bild ausgestellt, sondern durch die mittels der architektonischen Installation geschaffene Sicht- und Bewegungsfreiheit des Betrachters eine reale Dreidimensionalität hinzugefügt wird. Der Geschwindigkeit des Lichts wird die Laufgeschwindigkeit des Beobachters entgegengesetzt; die erlebbare Durchsichtigkeit ermöglicht optische Überlagerungen von virtuellem und realem Mensch (www.microarchitecture.net)

Im Kontext der Beschäftigung mit dem Menschen einerseits, Räumen und Licht als Instrumentarien der Vermittlung andererseits, die aber zugleich selbst thematischer Protagonist sind, hat robarchitects 1998 als work in progress Architektur-Tanzprojekt "Interaktiv Raum 3+4" konzipiert und im Folgejahr in Zusammenarbeit mit einem Choreographen umgesetzt und mehrfach aufgeführt. Bei der Darstellung von "Lebensräumen im Kistenformat" spielte die künstlerische Betrachtung der ergonomischen Frage von Existenz/ alltäglichem Leben auf engstem Raum (wieviel Platz braucht ein Mensch?) unter den Bedingungen der Abgeschlossenheit und damit zusammenhängend die wechselseitige Perspektive der Eingeschlossenen und vermeintlich Außenstehenden, die Bedeutung und das Erzeugen von Tages- und Nachtlicht, eine zentrale Rolle. (www.robarchitects.com, www.microarchitecture.net)

Die eben beschriebenen Projektbeispiele sollen veranschaulichen, welches gestalterisch/ inhaltliche und öffentlichkeitswirksame Potential microarchitektonische Umsetzungen in sich bergen, und wie sie dabei gesamtdramaturgisch mit essentiellen Elementen umgehen, die Schnittstellen zwischen Bildender, Baulicher und Dramatischer Kunst, zwischen Alltag und Inszenierung, Natur und Technik, Neu und Alt, lokal und global bilden. Das Wesen und die Zielrichtung der Architektur von robarchitects, wie sie auch in der Konzeption für die Teo Otto-Lichtplastik zu Grunde liegen, finden sich sehr anschaulich in der Hans Curjel-Publikation von 1975 über die "Kroll-Oper" Berlin, selbsterklärtermaßen eine der wichtigsten Impulsstationen und Wirkungsstätten Teo Ottos: "Bei Kroll sollte die Musik oberstes Kriterium sein. Musik von ihrem geistig-emotionalen Zentrum aus. Nicht orgiastische Überwältigung des Hörers und Zuschauers, nicht artistische Virtuosität, kein großer und kleiner Firlefanz, keine musikalisch falsche Theatralik, sondern Sauberkeit, Genauigkeit, zusammen mit allem Sturm der Leidenschaften."



Dresden, 17. März 2002

robarchitects Dresden

 
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