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Der "Stadt-Speicher" Jena im Haus am Markt 16

Ein microarchitektonisches Projekt

Von robarchitects ©


Eine zentrale Aufgabe microarchitektonischer Objekte/ Bauten, wenn sie in alte Bausubstanz eingesetzt werden, ist, Neu und Alt, Tradition und Modernität, Materielles/ Immaterielles, Licht/ Nicht-Licht, in einer architektonisch-stofflichen Gesamtdramaturgie miteinander zu verbinden, um auf behutsame, ökonomisch wie ästhetisch sparsame Weise das Vorhandene wieder lebendig zu machen.

Durch pointierten Einsatz von low tech und high tech kann, je nach Thema/ Gebäudeart/ Nutzung, die vorhandene Identität zur Entfaltung gebracht und in Einklang mit dem Neuen gesetzt werden, so dass alle Facetten der Geschichte eines Ortes zugleich gegenwärtig werden. Der Brückenschlag zwischen (baulicher) Vergangenheit und Gegenwart eröffnet zahlreiche Sicht- und Verständnisfenster, er ermöglicht eine neue, positive Begegnung mit dem Alten und erleichtert damit vor allem auch jungen Menschen das Verstehen von dessen Schönheit. Das sprichwörtliche Einpflanzen eines neuen architektonisch-thematischen Herzens, das (Wieder-)Herstellen einer öffentlichkeitswirksamen, microklimatischen Nische inmitten der Stadtkultur kann an jedem Ort, sogar an "Unorten", erfolgreich sein.

Diese lebendige Denkmalpflege erfüllt den Anspruch, zu bewahren und in die Gegenwart/ Zukunft zu transportieren, das Wesenhafte eines architektonischen/ städtebaulichen wie thematischen Stoffes herauszuschälen und vermittels eines vielseitigen Instrumentariums auf mehreren Ebenen für Viele nutzbar und zugänglich zu machen. Das Erich Kästner Museum in Dresden (www.erich-kaestner-museum.de) ist dafür ein anschauliches Beispiel.

Aber nicht nur Vergangenheit und Gegenwart werden unter Aufhebung räumlicher Grenzen (Interneteinsatz) bei minimalstem Platzverbrauch durch Microarchitektur miteinander verknüpft, sondern auch die Zukunft, das Unbekannte, ist auf ökonomische Weise darin vorgesehen.

Ressourcensparendes, maßgeschneidertes Denken und Bauen ist besonders bei altem Bestand von großer Bedeutung. "Weg von der Wand/ Mauer" heißt, geringe Eingriffe in die vorhandene Bausubstanz vornehmen zu müssen und gleichzeitig über erhöhte gestalterische Möglichkeiten verfügen zu können. Microarchitektonische Bauten sind in mehrfacher Hinsicht wachstumsfähig und beweglich. Eine ihrer entscheidenden Leistungsstärken ist Ortsunabhängigkeit. Als autarke, werbewirksame Identitätsträger können sie theoretisch an jedem Ort eine fruchtbare Beziehung zu ihrer Macro-umgebung entwickeln und dort ihre plastisch-räumliche Faszination entfalten. Zudem können die Inhalte dieser flexiblen Speicher je nach Erkenntnisstand modifiziert und erweitert werden. Eine solcher neuartiger "small is beautiful"-Ansatz, der sinnliche, reale Elemente in einer besonderen Dramaturgie mit Medientechnik verbindet, entspricht zudem den (auch zukünftig) aktuellen Entwicklungen in der Informationsvermittlung wie in den Bereichen Kommunikation und Bildung.


Der Stadt-Speicher als microarchitektonische Selbstdarstellung Jenas ist gedacht als ein aus mehreren Teilen erbautes, multimediales, dreidimensionales "Stadtbild", das den Besucher dazu aufruft, die vielseitigen Zusammenhänge zwischen der Bevölkerung/ den Menschen, der Natur, der Kultur, von Bildung und Technologie am Beispiel der Stadt Jena mit allen Sinnen, auch aus ungewohnter Perspektive, zu erleben und eigeninitiativ zu erforschen. Basierend auf dem philosophischen Dualismus von "Innen/ Außen" soll - als wahrhaftige, lebendige Denkmalpflege - der Weg in die Zukunft durch die alte Welt/ Haut führen, indem dem alten Gebäude am Markt eine Art Zeitmaschine eingepflanzt wird, die neben Bezügen zur Stadtgeschichte und universellem Hintergrundwissen vor allem spannende, prägnante Informationen über gegenwärtige Projekte und zukünftige Vorhaben der Stadt bereithält.

Das dem Marktplatz zugewandte Gesicht des Stadt-Speichers, seine Außenhaut, besteht aus einer feinteiligen microarchitektonischen Info-Fassade mit Glas-/ Hologramm-Elementen, die dem neugierigen Stadt-Spaziergänger erste Hinweise auf die Gebäudeinhalte, kompakte und zugleich dezente, poetische low-tech Botschaften anzeigen. Neben der Eingangstür zum Gebäudeinneren befindet sich, nach außen und innen aus der Fassade auskragend, auch ein automatisierter Ticketschalter, an dem die Bürger und Gäste der Stadt Jena zu jeder Tages- und Nachtzeit ihre Eintrittskarten erstehen können. Dieses Fassaden-"Auge" des Stadt-Speichers, welches durch seine architektonischen Eigenschaften sensibel mit der Natur und dem Außenraum arbeitet, könnte für den Marktplatz zu einer besonderen Attraktion werden. Die Glaselemente ändern, je nach Uhrzeit und Lichtverhältnissen, ihre Farbgebung. Material und Himmelsrichtung (Südwesten) erlauben einen erhöhten Außen/ Innen-Einfluß; die Fassade arbeitet –was gerade angesichts der hohen Sonnenstundenzahl in Jena zur Geltung kommt – wie ein Sonnen-/Lichtfilter und bietet, mittels ihrer Durchsichtigkeit, spannende optische Überlagerungseffekte. Von innen und außen entsteht für den Betrachter, je nach Blickwinkel und Eigenbewegung, die Farb- und Lichtspielwirkung von Naturedelstein.

Sobald der Besucher das Gebäude betreten hat, erschließt sich ihm ein die denkmalgeschützte "innere" Außenhaut mit dem Inneren und gleichzeitig alle Stockwerke miteinander verbindendes arterienartiges Leitungssystem, dem, wie einzelne Organe, verschiedenste multimediale Info-Objekte zu unterschiedlichen Themengruppen zwischengeschaltet sind. Der Besucher bewegt sich im Kaltraum (der Geschichte) entlang der organischen Landschaft. Das Netz autarker Objekte bildet, zusammen mit der Außenhaut, ein Gesamtkunstwerk; jedes einzelne Element ist dabei zugleich Informationsskulptur, interaktives Instrumentarium und teils begehbarer Gedächtnis- und Erkenntnisraum. Taktile Informationsflächen bieten inter-nationalen Gästen jeder Generation zahlreiche Möglichkeiten zu betrachten, mitzuerleben, zu erforschen und zu bedienen. Die innere Landschaft schafft eine atmosphärische Dichte, sie involviert den Besucher und richtet seine Aufmerksamkeit auf den dargebotenen Stoff und seine räumliche Hülle. Zudem ist eine solche Präsentation flexibel, kann wachsen, ausgewechselt und vernetzt werden. Sie weckt die Neugierde und Lust auf weiterführende Inhalte.

Diese "Räume im Raum" an zentralem Ort wären ein Stadtbild in Pillenform; eine Essenz aus, Plattform für oder Ergänzung zu vorhandenen Einrichtungen wie beispielsweise dem Stadtmuseum Göhre, dem Zeiss-Planetarium oder dem Glasmuseum und könnten mit diesen vernetzt werden.

Denkbar wäre auch, daß die Fassade sich im Sommer zum Markt hin öffnen ließe und vielleicht sogar Teile des Inneren auf dem Platz ausgestellt werden könnten.

Insgesamt könnte das integrative, innovative und informative Potential des Projektes "Stadt-Speicher" dazu beitragen, die Stadt Jena öffentlichkeitswirksam als ein Team, als einen lebendigen und für alle sichtbaren Organismus zu präsentieren.

Konzept © robarchitects November 2001

 
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www.robarchitects.com
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robarchitects Vita Ruairķ O'Brien